ECHTZEIT

Daten fließen nicht. Sie werden getrieben. Und treiben uns. Zwischen Sensoren und Lieferketten. Keine Echtzeit, die Arbeitszeit ablöst. Wo von Datenfluss und Echtzeit die Rede ist, sind Optimierung und Überwachung mitgemeint. Selten wird dabei vom Kassieren, Beraten oder Aufräumen erzählt. Von uns. Die den Warenfluss aufrechterhalten. Dort wo er bricht.
 
Echtzeit. Was ein komischer Begriff. Ein Versprechen, das seit den 70ern rumgeistert.  Eigentlich eine Beschreibung der Zeit von Rechnern. Die immer schneller werden sollen. Erst sollten sie die Stapelverarbeitung ablösen, die durch die Lochkarten entstanden war. Karten, die zunächst in Webstühlen steckten und Automatisierung versprachen. 1785. Muster wurden programmierbar. Arbeit wurde zerlegbar. Dann die Automatisierung durch permanente Beschleunigung der Datenverarbeitung. SAP. IBM. Auslagerung. Fernsteuerung. Echtzeit wird es nie geben. Zeit soll nur immer „echter“ werden. Wird aber nicht „echt“ sein. Das Versprechen des Datenflusses. Der immer schneller werden soll. Buzzwords. Alles ist Realtime. Arbeit ist Realtime. Kein Rechner. Aber immer schneller und kontrollierbar. Durch Sensoren. Echtzeit ist nicht echt. Sie wird produziert. Zwischen Sensoren und Körpern.
 
Radio Frequency Identification. RFID. Kein Fluss. Datenpunkte. Ein Etikett in der Naht. Eine Antenne im Tor. 0,3 Sekunden Kontakt. Zwischen Fäden sollen sie kontrollieren und fernsteuern. Körper, Waren, Lieferketten. Statt fließenden Daten arbeiten Körper, kassieren, beraten, räumen auf. Körper, die überwacht werden. RFID. Warenwirtschaftssysteme. Scanner. Scanner, die unscheinbar wirken. Aber ausgliedern. Wenn sich Unternehmen, immer mehr als Datenunternehmen verstehen, brechen wir den Fluss, den sie prophezeien.
 
Während 2017 die „H&M Loves Coachella“ Kollektion in die Regale geräumt wurde, zogen RFID-Scanner in die Filialen ein. Mit ihnen veränderte sich die Arbeit. Tätigkeiten wurden zusammengelegt. Beraten. Liefern. Kassieren. Vereinheitlicht. Die Folge: Auslagerung. Zeitarbeit. Oder: Echtzeitarbeit. Filialarbeit wanderte in Apps. Wurde messbar. Wurde vergleichbar. Sensorisch überwachbar. In den Filialen von Primark wurde die Verkaufsfläche in Parzellen zerlegt. Keine immersive Experience. Sondern Aufteilung. Vermessung. Kontrolle. Räumlich. Zeitlich. In jeder Parzelle: permanente Bewertung von Arbeitsleistung. Permanenter Vergleich. In Echtzeit. De-Skilling. Verlernen von Arbeit durch digitale Technologien. Damit Daten fließen.
 
Gleichzeitig verwoben sich Arbeitsbereiche zu branchenübergreifender Solidarität. H&M, Inditex, Primark. Kein Massenphänomen mit großen Streiks. Keine öffentliche Wahrnehmung. Zusammenführung von Betriebsräten, die sich verweben. Um die Rede vom Datenfluss zu brechen. Betriebsräte, die sich vernetzen. Gegen den Wandel von Textilunternehmen zu Datenunternehmen.
 
Betriebsrät*innen und Tarifkommission entwickelten gemeinsam mit ver.di den „Digitalisierungstarifvertrag“. Ein Tarifvertrag, der den Datenfluss brechen sollte und dem De-Skilling entgegenwirken. Statt der Abwertung von Tätigkeiten durch Digitale Technologien forderte er die Aufwertung von Beratungstätigkeiten. Statt der Digitalen Anprobe forderte er die zunehmende Qualifizierung der Arbeiter*innen. Die Zukunft der Arbeit sollte wieder durch die Arbeiter*innen verhandelt werden. Nicht durch Datenunternehmen. Stattdessen Gestaltung, Gesundheitsförderliche Arbeitsmaßnahmen und soziale Gestaltung Digitaler Anwendungen, Nachhaltiger Beschäftigungsschutz. Gemeinsam erwirkt durch den Gesamtbetriebsrat, die Tarifkommission von H&M und ver.di. Zunächst durch Fragen an den Konzern zu dessen Digitalisierungsbestrebungen. Dann durch Druckkampagnen und Streiks. Ab März 2022 dann die Durchsetzung des Digitalisierungstarifvertrags. 14 Verhandlungsrunden bis Oktober 2022.
 
Auch Solidarität ist brüchig. Andere Themen drängen in den Vordergrund. Widerstände sind fragmentiert. Gesponnene Fäden lösen sich. Und ziehen Laufmaschen hinter sich. 2025 läuft der Tarifvertrag aus. H&M bricht Verhandlungen über einen neuen Digitalisierungstarifvertrag ab. In Echtzeit. Keine Beschäftigung mehr mit der Veränderung der Arbeit durch Digitale Technologien. Statt gerechter Gestaltung immer mehr Digitalisierung und Fragmentierung. Wie kann neue Solidarität entstehen? Wie können wir die Rede vom Datenfluss stoppen? Und neue Netze in Lieferketten weben?

Weiterführende Links zum Text:
https://netzfueralle.blog.rosalux.de/2022/12/07/erster-digitalisierungstarifvertrag/
https://www.igmetall.de/download/20231220_20231207_Digi_TV_HM_c9a2eb5c34e70f71d099bf23501fe4d65cb56e68.pdf
https://www.verdi.de/handel/unternehmen/unternehmen-einzel-und-versandhandel/hennes-mauritz/digitalisierungstarifvertrag-hm