RISSE

Fäden werden gewoben, verheddern sich und reißen. Ab den 1990ern verbreitete sich Enterprise Resource Planning. Software, die Ressourcen von Unternehmen in Lieferketten planen und kontrollieren sollte. Ressourcen, ein Sammelbegriff, der auch Arbeit meinte. Arbeit, die ab den 1990ern immer mehr ausgelagert wurde. Große Anbieter wie SAP, IBM oder Microsoft lieferten die Systeme, die Arbeit global steuern. Das Versprechen: Ein globales Netz aus Arbeiter*innen, Fertigungsstätten und Gütern, verwoben durch die Software. Supply Chain Management. Softwaregesteuerte Ausbeutung löste lokale Verbindungen und lokal gewachsene Strukturen der Mitbestimmung ab. Arbeit fand in lokalen Produktionsstätten statt, die nun über Software global vernetzt werden. Entscheidungen über diese Arbeitsprozesse wurden zunehmend von großen Unternehmen aus der Ferne getroffen. Hinter Dashboards – Bildschirmen mit vielen kleinen Zahlen. In der Werbung vermitteln sie den Eindruck, dass auf diesen Bildschirmen alle Fäden zusammenlaufen. Machtversprechen. Fäden, die eigentlich Arbeit meinen. Arbeit, die zunehmend an Subunternehmen ausgelagert wurde. Und damit auch Verantwortung, die verschoben wird.
 
In der südindischen Stadt Dindigul produzierten Textilarbeiter*innen in der Fabrik Natchi Apparel Kleidung für internationale Marken wie H&M und Gap. Darunter viele FLINTA* aus ökonomisch prekären Verhältnissen. Während im Supply Chain Management von flexiblen Ketten und Vernetzung die Rede war, herrschte in den Fabriken laut der Arbeiter*innen vor allem Angst und Missbrauch von Hierarchien. Über mehrere Jahre berichteten Arbeiter*innen von sexualisierter Gewalt, Belästigung und Einschüchterung durch Aufsichtspersonen im Betrieb. Viele Beschäftigte zögerten, Vorfälle zu melden, aus Angst vor Repressionen oder dem Verlust ihres Arbeitsplatzes.
 
Gemeinsam mit der lokalen Gewerkschaft Tamil Nadu Textile and Common Labour Union begannen Arbeiter*innen nach einem schweren Vorfall sexualisierter Gewalt, die Vorfälle systematisch zu dokumentieren und öffentlich zu machen. Unterstützt wurden sie dabei von internationalen Arbeitsrechtsorganisationen. Es entstanden neue Netze in den Lieferketten. Zwischen Arbeiter*innen und Kollektiven. Arbeitskämpfe, die keine Fabriken betrafen, sondern sich über Lieferketten ausbreiteten. Wo Solidarität gebrochen war, wurde Verantwortung gefordert. Verantwortung, die Unternehmen zunehmend an Subunternehmen ausgelagern.
 
Neue Netze. 2022 wurde das Dindigul Agreement unterzeichnet – das erste rechtsverbindliche Übereinkommen zu geschlechtsspezifischer Gewalt in Asien. Eine Vereinbarung, die in den Rissen entstand – aus den Arbeitskämpfen der Textilarbeiter*innen und Gewerkschaften. Es verpflichtet die beteiligten Unternehmen zu konkreten Maßnahmen gegen geschlechtsspezifische Gewalt und Belästigung am Arbeitsplatz. Dazu gehören unabhängige Beschwerdemechanismen, Schulungen, Schutz vor Repressionen und die Beteiligung von Gewerkschaften an der Überwachung der Vereinbarung. Keine freiwillige Vereinbarung über faire Arbeitsbedingungen, wie sie in der Modeindustrie so oft versprochen wurden. Stattdessen Verfahren, die eine Umsetzung und Kontrolle der Maßnahmen ermöglichen. Solidarität entsteht da, wo Fäden reißen und sich neue Netze verweben. Globale Netze in Lieferketten. Gewoben aus lokalen Kämpfen. Wo von Netzoptimierung die Rede ist, die alle Fäden zusammenbringen soll, weben lokale Arbeitskämpfe die Netze globaler Solidarität. In den Rissen, die täglich größer werden.
 
Nach einem tödlichen Brand der Fabrik von Ali Enterprises in Pakistan im Jahr 2012 – einem Zulieferunternehmen, das insbesondere deutsche Firmen wie KiK, Aldi Süd oder Peek & Cloppenburg belieferte – verwoben sich neue Netze zwischen Organisationen und Arbeiter*innen. 2022 entstanden im Nachhall des Brands Allianzen zwischen lokalen Arbeiter*innen, Gewerkschaften und Arbeitsrechtsorganisationen, wie der deutschen Organisation FEMNET, dem European Center for Constitutional and Human Rights oder der National Trade-Union Federation. 350 Arbeiter*innen aus Karachi sammelten Informationen zur Nichtzahlung von Mindestlöhnen, fehlenden Verträgen, fehlenden Sozialversicherungen, unbezahlten Überstunden, sowie der systematischen Unterdrückung von Gewerkschaften. Globale Allianzen, die durch Lieferketten verbunden sind. Und vom deutschen Lieferkettengesetz Gebrauch machen. Ein Gesetz, welches deutsche Unternehmen verpflichtet Menschenrechte nicht nur in ihren deutschen Fabriken, sondern entlang der Lieferketten zu wahren. Während das Gesetz die Unternehmen, die in Karachi fertigten, zu Maßnahmen drängte, nahmen diese, laut FEMNET jedoch nur Maßnahmen vor, die symbolischer Natur waren und die lokalen Arbeiter*innenrechte nicht verbesserten. Wo von Supply Chain Management die Rede ist und Lieferketten durch Software optimiert werden, werden Menschenrechte gebrochen. Während das Gesetz Unternehmen verpflichtet, Verantwortung zu übernehmen, zeigen die symbolischen Maßnahmen, wie Macht formalisiert, Kontrolle zentralisiert und Rechte der Arbeiter*innen verschoben werden. Gleichzeitig verweben sich globale Allianzen zwischen lokalen Widerständen. In Rissen entstehen neue Netze.

Weiterführende Links zum Text:
https://femnet.de
https://femnet.de/informationen/materialien-medien/datenbank-der-materialien/materialien-menschenrecht-arbeitsrechte/4490-fact-sheet-the-dindigul-agreement-to-end-gender-based-violence-and-harassment.html
https://globallaborjustice.org/media/uploads/2025/04/Dindigul-Agreement-Fact-Sheet-Jan.-2023.pdf