RUINEN

„Technology is the answer, but what was the question?“ fragte der britische Architekt Cedric Price 1979. Die Antwort scheint immer wieder zu kommen. Technologie wird immer als Antwort, als Zukunft der Arbeit beworben. Aber die Frage bleibt unklar. Die Arbeit bleibt unklar.
 
Zusammen mit der britischen Dramatikerin Joan Littlewood war Price in den 1960ern für den Bau des Londoner „Fun Palace“ zuständig. Ein Bau der als „Laboratorium des Vergnügens” bezeichnet wurde. Ein Bau, der als „künstliche Intelligenz“ und „interaktives Labor“ gefeiert wurde. Ein Bau für alle, die in der damals befürchteten Übernahme von Arbeit durch intelligente Maschinen keiner Arbeit mehr nachkamen. Fun. Ein flexibles Gerüst, in das programmierbare Räume eingesteckt werden konnten. Eine Struktur mit dem obersten Ziel der Veränderung. Littlewood und Price waren fasziniert von Technologie und fürchteten die Übernahme der Arbeit durch Maschinen und imaginierten zugleich die Befreiung der Arbeiter*innen durch die Technologie. Technologie war Fun. In den Zeichnungen nur gestrichelten Linien, die die versprochene Unsicherheit markierten. Das Gebäude nie gebaut. Der Mythos weitergegeben. In Katalogen von Biennalen, Power Points von Investor*innen und Tech Unternehmen. In imaginären Ruinen.
 
Mit scheinbar jeder neuen Technologie wird von Technokrat*innen eine Zukunft ausgerufen, in der menschliche Arbeit durch Maschinen ersetzt wird. Wenn Technofaschist*innen und Beschleunigungsfanatiker*innen, wie Sam Altman, Elon Musk oder schon dessen Großvater Joshua Haldeman knapp 100 Jahre zuvor eine Zukunft ohne Arbeit versprechen oder fürchten, ist das nichts weiter als ein immer wiederkehrender Werbeslogan für die eigenen Technologien. New Economy. New Labor. Austerität und Technologieversprechen. Auf dem Cover des Time Magazine vom 30. Mai 1983 ein Roboter, der die Fabrik in einer Schubkarre schiebt. Daneben in roten Buchstaben „The New Economy“ „Where the Jobs will be“. Das Silicon Valley als Ort der Zukunft der Arbeit. Prakti.com. Bunte Rutschen. Computer. „Technology is the answer.“ Arbeit verschwindet nicht, sie wird verteilt. Silicon Chips, die dem Valley den Namen gaben, entstanden in Clean Rooms, auf Navajo Reservaten und an Werkbänken, getragen von feminisierter, rassifizierter und indigener Arbeit. In der Geschichte der New Economy wurden diese Körper ausgeblendet und durch die Idee immaterieller Innovation ersetzt. Und Garagen. Hinter Serverfarmen, Clean Rooms, Giftmülldeponien ging die kollektive Utopie in extraktivistischen und faschistischen Strukturen auf. Aus der Californian Ideology wurde die Texanian Ideology. Rutschen und Garagen sind Ruinen einer Zukunft, die es nie gab. Zwischen den Ruinen geht die Rede von der übermächtigen KI und den Super Apps weiter. Technology is the answer, but what was the question?
 
Wenn sich Lieferdienstunternehmen als Technologiekonzerne umlabeln, ist das nicht die Zukunft der Arbeit, sondern Strategie. Union Busting und Prekarisierung. Die Zukunft der Arbeit entsteht bei der Arbeit.  2020 wurde das Unternehmen Gorillas gegründet. Mitten im deutschen COVID Lockdown. Hinter der App: Warenlager und prekäre Arbeit. Warenlager, die sich in deutschen Innenstädten breit machten, wo zuvor der Leerstand von Geschäften immer sichtbarer wurde. Arbeiter*innen, die über kurzfristige Verträge aka Gigs schnell und prekär eingestellt wurden. 2021 um mich herum in Warenlagern von Gorillas war Technologie nicht die Lösung. W-Lan, das hing, Apps, die nicht auf das GPS-Signal reagierten. Während in Tech-Presse und kritischer Literatur von autonom steuernden Apps die Rede war, erlebte ich im Warenlager Hierarchien, Praktiken des Reparierens und Widerstands. Die Rede von der vollständigen Atomisierung und Automatisierung. Alles war brüchig. Zwischen den Rissen der Mauern und Apps entstand Solidarität. Wo Arbeiter*innen unsichtbar gemacht wurden, entstanden Kollektive. Informell und organisiert. In Fluktuation, Migration und Prekarisierung. Glitches. Fake‑GPS‑Signale gegen Tracking. Kurze Unterbrechungen. Wo Technologien brüchig sind und unterbrechen, werden Hierarchien sichtbar und entstehen Räume des Widerstands. Widerstand nicht als Zerstörung. Widerstand als Aufrechterhaltung und Zukunft. In den Apps. Auf den Straßen. In den Lieferketten. Seit 2023 sind von Gorillas nur noch leere Ladenlokale in deutschen Innenstädten übriggeblieben. Ruinen. Die Widerstände gehen weiter. Da, wo Arbeit als App beworben wird. Wo sich Lieferdienstunternehmen als Techkonzern umlabeln. Amazon. Lieferando. Technology is not the answer. Die Zukunft der Arbeit ist Arbeit.
 
Wo sich die Ruinen der Gorillas Warenlager in die Leerstände deutscher Städte gereiht haben, geht die Ausbeutung auf der Straße weiter. 2025 erklärte sich Lieferando zum Tech Unternehmen. Kein Lieferdienst mehr, sondern ein Unternehmen, dass Arbeiter*innen eine App zur Verfügung stellt, statt sie zu beschäftigen. Technology is the Answer. Während Berlins ehemalige Bürgermeisterin Franziska Giffey das Unternehmen 2025 als „Technologieunternehmen“ und „Digitales Geschäftsmodell“ in der Konzernzentrale feierte, drohten 2.000 Mitarbeiter*innen aufgrund dieser vermeintlichen Technologisierung die Kündigung. Gekündigt und ausgelagert. An Subunternehmen, die unter Tarif und Mindestlohn bezahlen. Keine smarte App. Keine algorithmische Kontrolle. Ausbeutung von Migration. Gestützt durch das „Opportunity Card“ Visumprogramm, das 2024 in Deutschland eingeführt wurde, um hochqualifizierte Nicht-EU-Fachkräfte zu beschäftigen. Arbeiter*innen, die aufgrund struktureller Benachteiligung und Sprachbarrieren vor allem in Logistik und Lieferbranchen arbeiten. Statt Technologie. Ausbeutung und Prekarisierung. Remote. Nach den Auflösungen von Standorten erklärte das Bundesarbeitsgericht 2026 die Wahl von Betriebsräten als ungültig. Weil Arbeit nicht mehr an einem Ort stattfinde, sondern remote durch die App. Da, wo ausgelagert und gekürzt wurde, entstanden Streiks. Tech won’t save us. Und Tech ist auch nur ein Label. Ein Label hinter dem sich die Ruinen und Ausbeutung verbergen. Technology isn’t the answer.
 
2026 leiten wir die Trackingdaten der App über eine Schnittstelle um. Daten, die in Millisekunden produziert werden und Auskunft über jede Bewegung der Arbeiter*innen geben. Daten, die zum Management und Verkauf an Dritte gedacht sind. Über der Schnittstelle kommen sie zu uns zurück. Als Glitches. Glitches, die Erinnerungen und Infrastrukturen hinter den Apps offenbaren. Ruinen sind überall.

Weiterführende Links zum Text:
https://aether.ethz.ch/ausgabe/new-economy/
https://www.moma.org/collection/works/842
https://mediarep.org/server/api/core/bitstreams/0a76a93f-869a-4257-8ea9-c4ef7d13d519/content
https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/20501579241270785